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Helium Vola
Chemischer Gesang
Ein Konzeptalbum sollte Liod schon werden - nur eben ein völlig anderes. Ursprünglich beabsichtigte Ernst Horn - wie schon weiland bei Qntal - Moderne und Mittelalter thematisch einander in Bezug zu setzen. Nach der Sichtung des historischen Textmaterials zeigte sich jedoch, dass viele der Aufzeichnungen von Frauen handelten. Also wurde das eigentliche, eher zeitkritische Konzept komplett verworfen und dem natürlichen Lauf der Dinge Vortritt gelassen. Dennoch ist rein musikalisch gesehen immer noch die Fusion von Epochen - der Grundgedanke hinter Helium Vola - gegeben. Liod, der seltsam anmutende Name des Albums birgt im übertragenen Sinne dieses Grundprinzip in sich.
"Ich habe Liod, einen Roman von Vladimir Sorokin gelesen. Im Russischen steht Liod für 'Eis'. Mir gefiel einfach der Klang des Wortes. Liod bedeutet aber auf althochdeutsch auch 'Lied' bzw. 'Gesang'. Zudem ist Liod das Kürzel für die chemische Verbindung 'Lithiumdeuteroxid', die im Bereich der kalten Fusion eine wichtige Rolle spielt", gibt Ernst Auskunft. Nennt sich das neue Album nun deshalb Liod, weil es sowohl im Mittelalter gebraucht wurde, als auch in der Gegenwart verwendet wird? Fusioniert also der Bergriff Liod gewissermaßen Epochen, wie es auch in der Musik Helium Volas geschieht? "Wenn ich mich wichtig machen wollte, könnte ich das bejahen", grinst Ernst. "Der chemische Aspekt des Wortes war einfach ne schöne Dreingabe. Ich hätte das Album aber auch sonst Liod genannt" schmunzelt er.
Helium Vola ist - wie schon Qntal - nicht unbedingt leichte musikalische Kost. Auch Liod klingt eher sperrig und kapriziös. Andererseits ist durchaus die Tendenz zu mehr Eingängigkeit gegeben. Ernst ist sich dessen nicht wirklich bewusst: "Hm… schwer zu sagen. Ich empfinde Liod eher als ziemlichen Brocken. Das mag an der schieren Länge des Albums liegen. Vielleicht ist die neue CD deshalb homogener, weil sie keine Sprachsamples enthält. Deren Stelle nehmen nun die Liods (Ernst meint die vier mit Liod titulierten musikalischen Intermezzi) ein. Die Liods verbinden die Stücke einander. Es sind instrumentale Melodiekürzel, die eine Art roten Faden bilden. Erst gegen Ende des Albums entschlüsselt sich deren Zweck" gibt sich Ernst enigmatisch. Deshalb: Was entschlüsselt sich denn nun konkret? "Am Ende stellt sich heraus, dass ich auf unser Debüt Bezug nehme, indem ich Omnis Mundi Creatura gewissermaßen recycle. Von diesem Lied tauchen Fragmente der Zeile 'Nostrae vitae nostrae mortis' immer wieder auf. Man erkennt sie nur nicht gleich, weil sie in sich verschoben sind. Am Schluss entschlüsselt sich das Ganze insofern, da die Textteile nun als Ganzes - nur eine Tonart höher - gesungen werden. Der Unterschied zum Debüt besteht darin, dass das Wort 'mortis' (= Tod) weggelassen wird und das Leben (=vitae) somit obsiegt. Ich wollte eben einen positiven Ausklang", lacht Ernst fröhlich.
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Tod und Leben, dieses Grundprinzip bezieht sich auf ein uneheliches Kind, was im Mittelalter einer Stigmatisierung sowohl für die Mutter als auch das Kind gleichkam. Ernst sammelte verschiedene alte Texte, die von hiermit verbundenen Frauenschicksalen handeln, um in der Folge hieraus die zusammenhängende Geschichte seiner Protagonistin zu basteln. "Anfangs häuften sich zufällig vier bis fünf Frauentexte. Ab da suchte ich gezielt nach ähnlichen Schriften und verwarf mein ursprüngliches Konzept. Letztlich überzeugte mich Sabines gesangliche Hingabe dahingehend, dass ein Frauenschicksal in den Mittelpunkt des Konzepts gerückt werden sollte", berichtet Ernst. Es ist Frühling, eine Frau verliebt sich, es kommt zur Entjungferung und daraufhin zur Schwangerschaft. Der Geliebte flüchtet, es wird Winter, die Frau bleibt alleine zurück und muss sich mit den Anfeindungen ihrer Umwelt auseinandersetzen. Das Kind "kränkelt" - wie Ernst sich ausdrückt - durch das Album. Es hustet und gibt Laute des Unwohlseins von sich. "Im Grunde stirbt das Kind schon zu Beginn der CD. Wildgänse fliegen hinfort, was das Entschwinden der Seele hörbar machen soll. Dies ist der Ausgangspunkt. Dann rolle ich die Geschichte von hinten auf. Die Frau kämpft und ich lasse das Kind immer mal wieder selbst zu Wort kommen. In Gegen Einen Dämon adaptierte ich einen Bannspruch aus den Merseburger Zaubersprüchen. Diese Beschwörung war eigentlich dazu gedacht, ein Haus von bösen Einflüssen fernzuhalten. Auf Liod will sich das Kind jedoch vor dem Tod schützen. Es sagt, dass der Tod ihm deshalb nichts anhaben kann, weil er nicht mal das Wort 'chnospinci' (ein Phantasiewort) auszusprechen vermag." Und was zeigt uns das? "Natürlich, dass das Kind doch nicht stirbt!", grinst Ernst nachdenklich in den Raum. "Und - wenn man genau hinhört, fliegt am Ende der CD die Wildente zurück. Das Kind überlebt also", löst Ernst das Rätsel auf. Jenem Kind lieh übrigens Eva Horn, Ernsts' sechsjährige Tochter, ihre Stimme. "Im Wesentlichen ist das die ganze Geschichte. Was zudem leitmotivisch öfter auftaucht, ist La Fille von Michel Houllebecq. Sein schwarzhaariges Mädchen mit den schmalen Lippen symbolisiert den Tod. Die Melodie von La Fille soll betroffen machen. Durch ihre Wiederholung verstärkt sich die Wirkung dieses Motivs. "Am Ende hält jedoch der Frühling erneut Einkehr und das Leben geht weiter. Das ist die ganze Geschichte."
Kommen wir abermals zur Eingangsfrage zurück. Wenn Liod im Vergleich zum Debüt zugänglicher und einheitlicher ist, lässt dies vermuten, dass das Mehr an Kohärenz vielleicht durch das zusammenhängende Konzept initialisiert wurde. "Ja", mein Ernst lakonisch. Wenn dem so ist, müssten dann doch die Texte schon vor dem Verfassen der Musik ausgewählt worden sein, oder? "Natürlich! Eine kongruente Konzeption zieht durchaus homogenere Musik nach sich. Das Debüt war ja thematisch nicht in sich geschlossen; deshalb vielleicht auch die höhere musikalische Divergenz", löffelt Ernst nachdenklich in seinem Müsli. "Was ich jedoch mit Bestimmtheit sagen kann, ist, dass ich versucht habe, mich kompositorisch weiterzuentwickeln. Ich achtete stärker auf Mehrstimmigkeit und versuchte mich mehr in klassischen Kompositionsweisen. La Fille kann man eigentlich als Madrigal bezeichnen. Im Gegensatz hierzu waren mir diesmal Klangexperimente weniger wichtig. Daher vielleicht die stärkere Homogenität."
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Aber auch sonst sind Neuerungen hörbar. Hierbei fallen vor allem Bitte Um Trost und Chumemin auf, klingen diese beiden Stücke doch zu apart im Vergleich zu dem, was ansonsten von Helium Vola zu hören ist. "Hm ja", löffelt Ernst weiterhin in seinem Müsli. "Tschuldigung, aber ich hab' so Hunger!", lächelt er. "Nun, Bitte Um Trost hat so komische Silbenwiederholungen in sich - richtig! Das erinnert doch stark an die Herangehensweise von Rapmusikern. Im Prinzip basiert auch der Rap auf Stabreimen. Ich wollte es eben rhythmisch. Und ja; es groovt schon für meine Verhältnisse", lacht er schmatzend. "Ach Gott und Chumemin hat sich einfach so ergeben. Das sollte halt irgendwie ein Stück über sexuelle Gier sein. In der Carmina Burana von Orff gibt es das Stück auch; allerdings in einem lieblichen Walzerrhythmus. Hier habe ich viele Stimmen übereinander gedoppelt. Das sind regelrechte Soundcluster geworden." Neu ist auch, dass mit Dormi eine in Italienisch gehaltene Eigenkomposition Ernsts auf Liod zu finden ist. "Mir fehlte ein Schlaflied. Da ich keines in alten Textsammlungen fand, verfasste ich es kurzerhand selbst", gibt er sich pragmatisch. "Mein Italienisch ist schlecht. Ich habe dran gewürgt und kam letztlich doch zu einem passablen Ergebnis. Eine Italienerin las dann Korrektur. Und siehe da: Es waren kaum Fehler enthalten. Da kannst du mal sehen, wie weit man mit einem Wörterbuch kommt", lacht er selbstironisch. "Ich finde diese alten Schriften einfach schön. Helium Vola basiert letztlich hierauf. Die antiken Sprachen verströmen eine ganz bestimmte Atmosphäre. Um Gottes Willen, ich möchte die Leute wirklich mit meinen Texten verschonen. Hierin bin ich einfach nicht fit genug. Die Melodien stammen hingegen bis auf zwei Ausnahmen von mir. Das finde ich spannend: Alte Lieder umzukomponieren."
Wie kann man sich nun die Zusammenarbeit zwischen Ernst und seiner Sängerin Sabine Lutzenberger vorstellen? Ernst bezeichnet sich ja selbst als Eigenbrödler, dem es eher schwer fällt, andere zu integrieren. Hieran scheiterte letztendlich die Zusammenarbeit mit Qntal. "Es gibt schon auch Konflikte" atmet Ernst tief aus. "Anderseits nehme ich auf Sabine Rücksicht. Qntal war von Anfang an eine Band, die aus drei gleichberechtigten Partnern bestand. Helium Vola ist hingen mein Soloprojekt", stellt er klar. "Insofern unterliegt Helium Vola ganz anderen Voraussetzungen. Ich würde es mal als ein Aufeinanderzugehen bezeichnen", drückt sich Ernst vorsichtig aus. "Sabine ist aber die Interpretin. Deshalb muss ich es akzeptieren, wenn ihr mal einer meiner Vorschläge nicht so zusagt. Lass' es mich so sagen: Ich bin mit klassischer Musik aufgewachsen. Ein Komponist schreibt Noten, die dann später eingesungen werden. Mit einer Gruppendynamik, wie sie bei Qntal gegeben war, hat dies gar nichts zu tun. Es ist aber auch so, dass ich den anderen involvierten Sängern Noten wollen. Klassische Musiker brauchen Noten! Ein bandinternes Proben liegt ihnen völlig fern. Das erleichtert die Arbeit ungemein. Vielmehr kommen die Musiker zu mir ins Studio und singen meine Notenvorgaben ein. Und das war's dann in der Regel. Es ist ein wunderbares Arbeiten", schwärmt Ernst. "Andererseits singen die engagierten Musiker zwar schon meine Noten; sie phrasieren sie aber auf ihre individuelle Art und Weise. Gerade die solistischen Sachen räumen einen gewissen Interpretationsspielraum ein. Auch Sabine variiert, bringt kleine Schleifer und Verziehrungen mit ein, was dem Ganzen mehr Tiefe verleiht. Ich würde sogar behaupten, dass ihr Gesang viele der Stücke stärker macht, als sie rein kompositorisch gesehen sind. Die Lieder leben regelrecht von ihrem Gesang", meint Ernst abschließend.
Mabon
Besetzung:
Ernst Horn: Programmierung, Keyboards
Sabine Lutzenberger: Gesang
Diskographie:
Helium Vola (2001)
Liod (2004)
www.helium-vola.de
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