Interviews      Mortiis

  



  

Mortiis

Das Babe der Woche

Motiis' Nase ist wohl der bekannteste Zinken im gesamten Musicbusiness. Auf seinem neuen Album THE SMELL OF RAIN schlägt der "erotischste Mann Norwegens" ungewohnte Töne an.

Der ehemalige Bassist Emperors komponierte Jahre lang düsteren, bombastischen Dark Ambient. Seine instrumentalen Monumentalstücke erreichten oftmals epische Ausmaße und ließen nebelverhangene, unheimliche Landschaften entstehen. Das war einmal, wartet doch das aktuelle Album THE SMELL OF RAIN mit harten Gitarren auf. Auch harsche Electrobeats, schelle EBM- Rhythmen und hymnische Refrains charakterisieren nun das Schaffen des schrägen Norwegers. Die größte Überraschung ist wohl die Tatsache, dass Mortiis nun höchstselbst singt. Was hat es nun mit diesem krassen Stilwechsel auf sich? "Ich traf diese Entscheidung nicht von heute auf morgen. Seit geraumer Zeit war ich mit dem, was ich komponierte, nicht mehr so recht zufrieden. Ich begann mich zu wiederholen und suchte nach neuen musikalischen Ausdrucksformen. Mir gefielen schon seit längerem Künstler wie Skinny Puppy, Nine Inch Nails, Rob Zombie oder Ministry. Insofern war es nahe liegend, mich in härterer, mehr die Gitarre betonende Musik zu versuchen. Allerdings sind die altbekannten Chöre und klassischen Bombastklänge immer noch vorhanden. Sie sind lediglich mehr in den Hintergrund gerückt", gibt er Auskunft.
Mortiis war schon immer ein Autodidakt, der nach dem Prinzip "Trial And Error" vorging. Er versuchte sich solange in der neuen Kompositionsweise, bis aus seinen vagen Ideen richtige Songs wurden. Dies war anfangs nicht so einfach und erforderte ziemlich viel Zeit. Gegen Ende kam Mortiis aber immer schneller voran, da er nun begann, sich im bisher unerforschten musikalischen Terrain besser zurechtzufinden. "Im Singen oder besser gesagt Krächzen übte ich mich eigentlich überhaupt nicht, da hierzu einfach nicht genügend Zeit zur Verfügung stand. 20 Minuten vor der Aufnahme des jeweiligen Songs mussten reichen, um meine Stimme zu schulen. Das war schon recht abenteuerlich, denn was wäre passiert, wenn sich herausgestellt hätte, dass ich des Singens gar nicht mächtig bin? Um ehrlich zu sein; manche der Lieder musste ich an die fünfzigmal einsingen, bis das Ergebnis einigermaßen zufrieden stellend war", gibt sich Mortiis entwaffnend ehrlich. Helfend standen ihm lediglich ein Gitarrist und die allgegenwärtige Sängerin Sarah Jezebel Deva (Cradle Of Filth, Therion, Mystic Circle usw.), bei. Mortiis erwehrt sich vehement der Vorwürfe, er würde durch das aktuelle Material mehr im Sinne seiner neuen Plattenfirma Earache handeln. "Sicherlich kann Earache als Metal Label mein neues Album besser vermarkten, weil es eher in ihr Gesamtprogramm passt. Es ist aber einfach falsch, zu glauben, ich wäre dazu gezwungen worden, gitarrenlastigere Musik zu schreiben", stellt der Norweger klar
Früher hätte man Mortiis sehr gut als einsamen, versteckt lebenden Fürsten eines imaginären, Fantasiereiches bezeichnen können. Er zog sich in eine unwirkliche Scheinwelt zurück und genas das Leben eines weltabgewandten Eremiten. Die neue musikalische Ausrichtung könnte als Indiz dahin gehend gewertet werden, dass der exzentrische Musiker sich nun mehr der so genannten Realität zugehörig fühlt. Ist er greifbarer, gegenwärtiger oder gar realer geworden? "Mit Sicherheit. Ich bin jetzt sehr viel zugänglicher und geselliger. Ich habe mittlerweile ein gewisses Alter erreicht und glaube einfach nicht mehr an das Fantasyzeug, mit welchem ich mich nahezu zehn Jahre lang beschäftigte. Dies führt automatisch eine stärkere Orientierung an der diesseitigen Welt mit sich." Zu dieser inszenierten Fantasiewelt gehörte auch stets sein an einen Gnom erinnerndes Äußeres. "Früher glaubte ich wirklich, von einer Wesenheit namens Mortiis besessen zu sein. Ich sah mich lediglich als eine Art irdische Hülle, welche dem Mortiis sein wahres Aussehen verleiht. Inzwischen erkannte ich, dass Mortiis lediglich eine Erfindung meines Geistes ist. Dennoch: Die Maske wird bis auf weiteres beibehalten. Aber wer weiß, unvorstellbar wäre es andererseits auch nicht, eines Tages ohne Maske durch die Welt zu streifen." Sein kürzlich erschienenes Buch SECRETS OF MY KINGDOM ist allerdings Fantasy pur. Warum veröffentlicht er also ein Buch, dass sich mit eben jenen Dingen beschäftigt, für die er mittlerweile keinerlei Interesse mehr hegt? "Die Texte stammen aus den Jahren 1992 - 1995. Eigentlich hätten sie schon 1996 erscheinen sollen. Zu jenem Zeitpunkt wäre eine Veröffentlichung sinnvoller gewesen, weil sie sich wunderbar mit der damaligen konzeptionellen Ausrichtung von Mortiis ergänzt hätte. Das Buch wurde Jahre lang immer wieder angekündigt und musste alleine schon aus Gründen der Glaubwürdigkeit veröffentlicht werden. Zudem warteten nicht wenige Fans sehnsüchtig auf das Buch. Mir war es aber auch deshalb so wichtig, das Buch zu veröffentlichen, da es sehr deutlich meine künstlerische Entwicklung darlegt. Zudem soll es mit dem alten Mortiis abschließen und signalisieren, dass nun eine neue Ära begonnen hat. Hierfür steht übrigens auch das sich im Booklet der CD befindliche 'M:E II', was so viel wie 'Mortiis: Ära II' bedeutet."
Dementsprechend manifestiert sich Mortiis' mentale Veränderung auch in den neuen Songtexten. Prinzipiell lässt sich das Geschriebene auf folgenden Nenner bringen: Selbstisolation und das Herbeiführen einer Veränderung dieser Situation. "Du kannst dir ja sicherlich gut vorstellen, dass ich mich früher - bedingt durch meine damaligen Interessen - von der Außenwelt abkapselte. Die Texte beschreiben einen sehr negativen Bewusstseinszustand, in welchem ich mich damals befand. Ich sehnte mich so sehr danach, dieser seelischen Qual ein Ende zu bereiten. Ich befand mich in einer emotionalen Wüste. Niemand verstand mich, meine Gedanken, meine Kunst. Schlimmer noch: Mir wurden massive Probleme von Seiten der Gesellschaft bereitet, nur weil viele Leute merkten, dass ich eben ein wenig anders, als ein Großteil der Menschen war. Reale Wüsten sind in der Regel menschenleer und unfruchtbar. Ich fühlte mich also einsam und all meine Gefühle waren vertrocknet. Symbolisch gesprochen sehnte ich den Regen herbei. Damals merkte ich schon, dass sich etwas in meinem Leben zu verändern begann. Ich fing förmlich an, den Regen zu riechen", gibt Mortiis die Bedeutung des Albumtitels preis.
Durch Mortiis Äußeres und Habitus inspiriert, erdachten sich die verschiedensten Leute seit jeher die seltsamsten Dinge. Auf Mortiis' Homepage (www.mortiis.com) wurden die obskursten und auch lustigsten Gerüchte, welche sich um den Norweger ranken, zusammengetragen. So soll er beispielsweise der Mörder seiner Mutter sein, sich einer plastischen Gesichtsoperation unterzogen haben, Kinder essen, Sex mit Wölfen haben usw. "Angeblich sollte ich ja schon in einem Disneyfilm mitspielen und Frauen beim Sex mit der Nase befriedigen! Meistens belustigen mich diese Gerüchte, manchmal fühle ich mich aber auch ziemlich angegriffen. Mein Äußeres bietet sich ja auch regelrecht für derartige Häme an. Dass ich allerdings fast schon mal zum 'sexiest man in Norway' gewählt wurde, stimmt wirklich. In einer norwegischen Tageszeitung war ich einmal das 'babe of the week'. Als dann am Ende des Jahres das 'babe of the year' gewählt wurde, gelangte ich auf Platz fünf. Die Norwegerinnen fanden mich auf jeden Fall erotischer als Julio Eglesias", kalauert es abschließend durch den Hörer.

Mabon



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