Interviews      Bloodflowerz

  



  

Bloodflowerz

Gegensätzlich ausgeglichen

Gegensätze ziehen sich ja bekanntlich an. Der Bandname "Bloodflowerz" vollzieht die nächste Stufe: Die nach der Anziehung erfolgte Verschmelzung zweier Antipoden. Bei genauerer Betrachtung trägt der Name des süddeutschen Quartetts diese bipolare Fusion sogar dreifach in sich. Blumen blühen, duften und leben. Sind sie verwelkt, haftet ihnen etwas Vergängliches an. Ein weiterer Gegensatz wohnt dem Wort "Blut" inne. Es pulsiert im Körper, erhält ihn am Leben. Befindet sich der rote Saft jedoch außerhalb unserer irdischen Hülle, kann dies ungesund werden und letale Folgen haben. Opponiert man nun "Blood" und "Flowerz" (die eigentümliche Schreibweise dient der Aufmerksamkeitserregung ) einander, ergibt sich eine weitere Kontradiktion.

Jene Betonung des Konträren setzt sich auch in den Albumtiteln fort. So hieß das Debüt "Diabolical Angel", während der gerade eben erschienene Nachfolger "7 Benedictions / 7 Maledictions" in die gleiche Kerbe schlägt. Allgemein gesprochen soll das Kontrastieren von Gegenpolen dem beschränkten Schwarz/Weißdenker den Spiegel vorhalten. Nur wer Gegensätze in sich vereint, wird in sich ausgeglichen. Was es mit den sieben Wohltaten und deren verwunschenen Schatten auf sicht hat, erklärt Sängerin Kirsten Zahn so: "Die Idee, diese Thematik aufzugreifen, kam mir spontan. Allerdings setze ich mich schon seit langem mit Religion und Mystik auseinander. Der Mensch wird tagtäglich mit Sünden und Tugenden konfrontiert. Das Individuum muss sich ständig mit diesen gesellschaftlichen Moralvorgaben auseinandersetzen und sie mit seinem Selbst abgleichen. Hierbei stellt sich automatisch die Frage: 'Wer bin ich?' Unser Album beschäftigt sich demnach mit dem Prozess, der tief im Inneren des Menschen stattfindet; wenn er beginnt, Sünden und Tugenden auf sich selber zu beziehen."

Ob kirchliche Verhaltensvorgaben noch dem Zeitgeist entsprechen, sei mal dahin gestellt. Fakt ist jedoch, dass die abendländische Gesellschaft heute mit Sicherheit anderes aussehen würde, hätte die Kirche weiland nicht formend manipuliert. Kirsten sieht in der Vorgabe von Moral und Tugenden ein natürliches Orientierungsbedürfnis des Individuums. "Der Mensch erstrebt seit jeher Halt und Sicherheit. Er möchte den Sinn des Lebens ergründen, seine Emotionen und bestimmte Geschehnisse in einen weiter gefassten Gesamtzusammenhang eingliedern. Aus diesem Verlangen heraus sind letzen Endes Religionen entstanden. Religionen sollen dem Menschen Erklärungen und Antworten bereitstellen. Ob diese Antworten nun richtig oder falsch sind, ist hierbei zweitrangig. So gesehen kann Religion durchaus etwas Hilfreiches sein."

  



  

Das Lied 'Death Of Souls' beantwortet gewissermaßen schon die Frage, ob der moderne Mensch gesellschaftliche/religiöse Verhaltensvorgaben benötigt, wenn Kirsten singt: "No there's no one to decide my decision" Andererseits ist davon die Rede, wie einfach es doch ist, sich hinter einem Gebet zu verstecken, das sozusagen das selbstständige Denken ersetzt. "Dieser Song - wie alle anderen auch - stellt zwei Ebenen dar: Die persönliche, alltägliche und die weiter gefasste, das Leben an sich darstellende. Der Mensch ist leider oft unfähig, sich über Vorgaben hinwegzusetzen und begibt sich stattdessen lieber in eine gewisse Trägheit, weil ja andere ihm die Entscheidung abnehmen. Hast du einmal diesen Punkt erreicht, bist du genau genommen seelisch tot. Letztendlich betrügt du dich damit aber selbst, da nur du weißt, was für dich richtig oder falsch ist", streicht Kirsten heraus.

Welche Sünden begeht denn Kirsten so als Durchschnittshäretikerin? "Alle möglichen", entgegnet sie mit einem verlegenen Lachen. "Wie ich ja schon erwähnte, werden wir täglich mit Verhaltensmaßregeln konfrontiert. Die vierzehn Lieder der neuen CD zeichnen gewissermaßen den Lebensweg einer Person nach. Auf dieser Reise muss sich das Individuum ständig mit der Frage herumquälen, ob das, was es jetzt gerade macht, gesellschaftlich geächtet oder begrüßt wird. Ich denke, jeder kennt jede Sünde und Tugend bis zur Genüge", womit sie indirekt die Frage beantwortet hat. Geschickt, geschickt …

Nun zeichnen die Lieder aber nicht nur einen Lebensweg nach. Gleichzeitig erzählen sie von den emotionalen Höhen und Tiefen einer Beziehungsgeschichte. "Man ist natürlich nie alleine und vergleicht sich immer mit anderen. Ob dies nun innerhalb einer speziellen Beziehung zu einer Person oder in Gesellschaft mehrerer passiert, ist hierbei gar nicht so wichtig. Es kommt darauf an, sich zu anderen in Bezug zu setzen. Das Ich sucht immer nach einem ihm entgegen gesetzten Extrem, um so seine eigene Persönlichkeit einmal im Kontrast zu analysieren", erklärt Kirsten. Die Selbstobjektivierung realisiert sie in ihren Texten durch einen dialogischen Perspektivenwechsel. Eine Person beschreibt ihr Gegenüber, bis dann der Beschriebene seinerseits zum Beobachter wird. "Natürlich beschreiben die beiden Personen nicht nur einander, sondern kommunizieren auch. Es ist aber nicht so, dass es in den Liedern um von mir Erlebtes geht. Vielmehr wandere ich immer zwischen den Personen und Perspektiven hin und her. 'She Knows Why' spricht beispielsweise aus der dritten Person Singular, um zu verdeutlichen, dass ich etwas aus der Distanz heraus schildere. In diesem Fall geht es darum, dass der Mensch sein Schicksal nicht begreifen kann. Das Verständnis hierfür ist so weit entfernt, dass man es nur noch aus der dritten Person heraus schildern kann", meint sie philosophierend.

Durch viele der Texte zieht sich das Leitmotiv der Hoffnung. Ein als negativ empfundener Ist-Zustand wird einer positiveren Zukunft gegenüber gestellt. Kirsten wünscht sich für so manchen, dass er beginnt, über sein Leben nachzudenken, um dann vielleicht zu der Erkenntnis zu gelangen, was das eigentlich für Geister sind, die ihn heimsuchen. "Es wäre schön, wenn alle irgendwann die Augen auf machten und wieder zu sich selber finden."

www.bloodflowerz.com

Mabon



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